Uli Rennert | Buddenbrooks, Kino und TV
Uli Rennert ist Pianist, Komponist und Elektroniker und lebt als freischaffender Musiker und Universitätsdozent in Graz in Österreich. Uli Rennerts künstlerische Arbeit dreht sich seit vielen Jahren um den Einsatz von Synthesizern und Live-Elektronik als expressives Instrumentarium und um die Erforschung der Schnittstellen zwischen Komposition und Improvisation. - Uli Rennert is an Austrian pianist, synthesist, and composer. Rennert is focusing on synthesizers and live-electronics used as expressive musical instruments, and he explores the area between composition and improvisation.
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Buddenbrooks, Kino und TV

Buddenbrooks, Kino und TV

Und heute arbeite ich die nicht gelesenen Zeitungen der Feiertage auf und finde eine sehr treffende Filmkritik von Stephan Speicher in der Süddeutschen vom 24. Dezember 2009

Die Goldene KameraDoch vorher noch kurz ein Auszug aus Mark Stöhrs Artikel in der Zeit Online vom 22.12.2008:

Für Breloers Fernsehfilm wird es zum „Tipp des Tages“ in den einschlägigen TV-Magazinen und dem einen oder anderen Grimme-Preis reichen. Zu irgendetwas müssen die 16,2 Millionen Euro Produktionskosten schließlich gut gewesen sein.

Siehe dazu auch folgenden Artikel von Katja Nicodemus: Zu viel Fernsehen im Kino (Die Zeit 11.12.2008 Nr. 51)

Und hier nun Stephan Speicher:

Die Verführungskraft der schönen Dinge

Gerade hat sich der Regisseur Heinrich Breloer in der Neuen Rundschau über die „Technik des Filmemachers“ in 13 Thesen geäußert, frei nach Walter Benjamin. Unter Drittens lesen wir: „Bevor du ans Drehbuchschreiben gehst: Sauge dich voll mit Details der Zeit, mit der du zu tun haben wirst. Schau dir Filme und Fotos an, lausche den Original-Tönen, vertiefe dich in Dokumente und literarische Beschreibungen, achte auf die Menschen, auf die Sprache vor allem …“

Ob das gute Ratschläge sind? Breloer, das muss man ihm zugeben, hat sie bei seinem jüngsten Projekt beherzigt. Das Problem: Nicht allein er als Regisseur und Drehbuchautor hat sich vollgesogen mit Details. Auch sein Film „Buddenbrooks“ kann die Details gar nicht bei sich behalten. In jedem Moment wird der Zuschauer vom feuchten Detail-Atem des Films besprüht.

Eine Redoute im Stadttheater, die Buddenbrooks befinden sich auf der Höhe ihrer Geltung. Sind die Roben nicht prächtig, die Fräcke nicht elegant? Wie schön schimmern doch die seidenen Aufschläge! Wie rascheln nicht die Rüschen und Volants, wie bürgerlich-beherrscht und zugleich verwegen heben die Zylinder das Selbstgefühl der jungen Herren.

Dekorativer Staub

Nicht allein, dass die Tanzenden sich drehen, die Kamera dreht sich mit, ganz eins mit den Ballgästen, ganz verliebt in den Taumel, den Glanz, ganz erfüllt von der Lust, in der Verliebtheit alles aufregend, bemerkenswert zu finden. Im Lagerhaus der Firma Buddenbrook ist es nicht anders. Die Buddenbrooks handeln mit Getreide, die Luft ist staubig, so fällt das Licht in dekorativen Strahlen ein, man meint, darin das einzelne Staubkorn wirbeln zu sehen. Hier spricht der Prinzipal noch plattdeutsch mit seinen Leuten; und sich einen Maltersack mit dem rechten Schwung aufzuhucken, das versteht er auch.

Tragen die Buddenbrooks etwas in ihr Familienbuch ein, so zeigt die Kamera die schwere fasrige Qualität des Papiers, über das die Stahlfeder hörbar kratzt. Das ist mehr als Schreiben, das ist ein Sich-Einschreiben in die Welt. Da soll die Natur nicht zurückstehen. Die Wellen der Ostsee sind so frisch und kräftig, wie man sie kaum je gesehen hat. Nebel, Dunst und Rauch – allesamt oft und gern verwendete Mittel – sind so neblig, dunstig und rauchig, wie man es sich nur denken kann.

Ein enormer Anteil der künstlerischen Energie muss auf Bauten, Kostüme und Requisiten verwendet worden sein. Man kennt es aus deutschen Filmen, die etwas Besonderes sein wollen; schön ist es nicht. Es liegt etwas Protzendes darin: Das haben wir alles auch! Mag schon sein, dass Liebe zu der untergegangenen Welt des alten Handelsbürgertums im Hintergrund stand. Für den Zuschauer nimmt es sich anders aus.

Die Verführungskraft, mit der die schönen Dinge ins Licht gerückt werden, erinnert ihn an Werbung und so schlägt die Üppigkeit ins Billige um. Der Buddenbrooks-Film führt ein unablässiges Verkaufsgespräch mit seinem Zuschauer. Schon der Titel „Buddenbrooks“ mit seinen Goldbuchstaben sieht aus wie das Angebot der Woche bei Tchibo. Und das siebentürmige Lübeck, das so effektvoll ins Szene gesetzt ist, kenne ich das von der Marzipanpackung oder vom Marmeladenglas?

Optische Aufdringlichkeit

Die optische Aufdringlichkeit der Dinge ist nie angenehm. Hier ist sie fatal. Vom ersten Moment geht der Film so vor, und weil die Kamera (Gernot Roll) immer wieder aus der Sicht der Figuren geführt wird, sind sie es, die die Lübecker Welt des 19. Jahrhunderts so erstaunt betrachten. Vom allerersten Moment an ist alles ein Gegenstand der Verwunderung.

Die Selbstverständlichkeit, mit der die Buddenbrooks ihren Geschäften nachgingen, die Sicherheit, das Rechte zu tun, erfolgreich zu wirtschaften, gleichsam natürlich Stadt und Gesellschaft anzuführen, diese lebensvolle Sicherheit, die der Familie im Roman von Thomas Mann erst allmählich, von Generation zu Generation verlorengeht, sie hat bei Breloer nie bestanden. Und so wird das Geschehen moralisiert.

Die Figuren handeln nicht aus eingelebter Festigkeit, sondern aus individuellem Gutdünken. Wird Tony aus geschäftlichen Gründen an den Kaufmann Bendix Grünlich verheiratet, so ist das nicht mehr eine Familienpolitik, die für die Eltern wie alle ihre Generationsgenossen ganz selbstverständlich ist, aus Loyalität der Firma gegenüber. Es ist eine persönliche Herzlosigkeit, der Sieg der Geldgier über die Gebote des Herzens. Das ist der große Fehlschlag des Breloerschen Unternehmens: Seine übergroße Sorgfalt im Gegenständlichen lässt nicht eine soziale Ordnung entstehen, sondern ein Angebot schöner Dinge, zwischen dem seine Figuren isoliert herumirren wie wir Heutigen im Kaufhaus.

Ist das ein Einwand? Hat nicht der Film als eigene Kunst das Recht, von der Vorlage abzuweichen? Das hat er, gewiss. Der Film muss den Gedanken vom Bewusstsein als Feind der Lebenskraft, der Thomas Mann so wichtig war, nicht aufnehmen. Und er tut es auch nicht, nicht sehr ernsthaft jedenfalls, auch wenn das Filmbuch, das Breloer verfasst hat (S. Fischer), etwas anderes sagt.

Nichts Rätselhaftes

An der Figur des Thomas Buddenbrook müsste es sich zeigen. Doch der Mann, mit dem sich das Schicksal der Familie und ihrer Firma wendet, bekommt in der Darstellung durch Mark Waschke kein scharfes Profil. Das Zerrissenwerden zwischen Pflichtbereitschaft und dem Verlust der inneren Sicherheit, dieser Pflicht wirklich genügen zu sollen und zu wollen, das wird kaum angesprochen. Die Schwärmerei für die musikalische Gerda Arnoldsen hat nichts Rätselhaftes, für schöne Rotblondinen schwärmt im Kino jeder. Dass Thomas stirbt nach einer Zahnbehandlung, das wird verstehen nur, wer den Roman gelesen hat.

Dabei wird nicht schlecht gespielt in diesem Film. August Diehls Wandlungsfähigkeit bewährt sich in der Rolle des Christian Buddenbrook, den er vor allzuviel Exzentrizität bewahrt, Jessica Schwarz gibt eine Tony, deren Einfalt und Konventionalität nicht ohne Schönheit und Liebenswürdigkeit ist, Armin Mueller-Stahl stattet den Jean auf bewährte Weise mit selbstgewisser Bonhommie aus, vielleicht auf allzu bewährte Weise. In zweieinhalb Stunden wird ein großer Roman als Fotoalbum durchgeblättert. Doch wozu das alles?

In den letzten Wochen haben die Beteiligten sich kapitalismuskritisch vernehmen lassen. Dem Film ist das aber nicht anzumerken. Die Fa. Buddenbrook geht unter, die Fa. Hagenström steigt auf, eine bösere, brutalere Zeit ist damit nicht angebrochen. Wenn jetzt die Buddenbrooks wieder, zum dritten Mal in der Nachkriegszeit, verfilmt werden, so wird es an dem viel beredeten Wunsch nach Familiengeschichten liegen, der in Deutschland angeblich allein mit Hilfe der Häuser Mann und Wagner zu befriedigen ist. Mit dem Mehrteiler zum Thema Bayreuth muss gerechnet werden. Der kann durchaus besser werden.

(SZ vom 24.12.2008/rus)

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