Uli Rennert | Über Jazz
Uli Rennert ist Pianist, Komponist und Elektroniker und lebt als freischaffender Musiker und Universitätsdozent in Graz in Österreich. Uli Rennerts künstlerische Arbeit dreht sich seit vielen Jahren um den Einsatz von Synthesizern und Live-Elektronik als expressives Instrumentarium und um die Erforschung der Schnittstellen zwischen Komposition und Improvisation. - Uli Rennert is an Austrian pianist, synthesist, and composer. Rennert is focusing on synthesizers and live-electronics used as expressive musical instruments, and he explores the area between composition and improvisation.
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Über Jazz

Warum Jazz?

Warum? Es ist dies die wichtigste Frage, die wir uns stellen können — als Musiker, als Künstler, als Menschen. Die Frage nachdem Warum ist essenziell. Immer wieder versuche ich auch, meine Studierenden mit diesem Fragen nach dem Woher und Wohin zu konfrontieren, sie zu ermutigen, über Inhalte und deren Konsequenzen nachzudenken.

Oft denken wir ja als Musiker nur über das Was nach: Welches Instrument könnte ich spielen, welches kann ich mir leisten, wie sieht es aus, welchen Nimbus hat es, welche Stücke können wir spielen, wer hat gerade Zeit für einen Gig — und so weiter.

Aber auch das Wie wird durchdacht: Spielen wir es in dieser oder in jener Version, schnell oder eher langsamer, welche Besetzung soll die Band haben, welche Art von Voicings verwende ich, sollen wir eine zweite Stimme hinzufügen, wie hat es Bill Evans gespielt?

Warum aber jemand etwas spielt, ist die eine Frage, die […] scheinbar selten gestellt wird — gibt es doch so viele Vorgaben, Gewohnheiten und stillschweigende Übereinkünfte, die uns sagen, dass man eben das und das so und so zu spielen hat, weil das eben so ist, und so weiter. Und immerhin: Charlie Parker und Louis Armstrong und Sonny Rollins und all die anderen Heroes haben es ja scheinbar auch so gemacht! Oder etwa nicht? Fragen wir uns denn auch, warum diese Leute so gespielt haben, wie wir es von all den Aufnahmen her kennen und lieben? Warum sie dieses, und nicht ein anderes Stück so gespielt haben, wie sie es eben gespielt haben? Und fragen wir uns selbst, weshalb es gerade so und nicht anders klingen soll?

Woher kommt denn eigentlich die Authentizität einer überragenden musikalischen Performance? Woher kommt es, dass ich als Zuhörer von einem Stück, von einem Solo, von einer Band gefangen bin? Warum kann mich ein Konzert, eine Aufnahme im Wortsinn ‚in ihren Bann ziehen‘? Ich glaube, dass dabei die Beantwortung eben genau dieser Fragen eine grosse Rolle spielt: Warum spiele ich etwas, warum wähle ich dieses Stück aus, warum diese Akkordfolge, warum diesen Beat – und so weiter. Nicht, dass die Zuhörer über die genauen Motive und Überlegungen Bescheid wissen müssten — aber sie können es spüren, denke ich. Authentizität auf dem Konzertpodium — und sei die Bühne noch so klein! — hat etwas unentrinnbares, ist überzeugend, fühlt sich gut und richtig an. Sie stellt sich aber vermutlich nur dann ein, wenn jemand weiss, warum er etwas tut.

Und ich denke, wir als Jazzmusiker sollten darauf besonderen Wert legen, denn wir sind es, die Musik im Moment kreieren und eine der direktesten und emotionalsten Ausdrucksformen pflegen, die es in der Musik überhaupt gibt: die Improvisation.

(Vorwort zum Programmfolder der Konzertreihe KUG Jazz für Mai 2016)

Revival-Musik – Warum?

Nicht nur im Jazz-Genre ist seit einigen Jahren, vielleicht seit Jahrzenten, der Hang zum Revival evident. Damit habe ich ein Problem. Oft wird davon gesprochen, dass sich eine Band, ein Künstler, eine stilistische Sparte ’neu erfinden‘ – von ’neu‘ ist bei näherem Hinhören dann kaum etwas zu bemerken. Es werden nur die altbekannten Elemente wie Versatzstücke durcheinandergewirbelt.

Bryan Ferry The Jazz AgeFür die Entwicklung einer bestimmten Spielweise gibt es doch einen Grund. Und das gilt im Besonderen für die Geschichte des Jazz, die ja vor allem auch eine Sozialgeschichte, eine Geschichte der gesellschaftlichen Umstände ist. Die wesentlichen Strömungen haben sich in der Rückschau geradezu aus Notwendigkeiten heraus entwickelt. Die ganz persönlichen Situationen, Befindlichkeiten und Zwänge, in und unter denen Musiker gelebt und gearbeitet haben, waren die Auslöser der wichtigen Stile des Jazz, READ MORE

Platzhalter Kommerz

Etwas als kommerziell zu bezeichnen ist nicht per se negativ. Damit wird nichts über die Qualität ausgesagt.
Es ist heute aber doch so, dass mit den allermeisten Unternehmungen und Aktivitäten, deren Fokus darauf liegt, sich erfolgreich verkaufen zu können, versucht wird, einen möglichst grossen Marktanteil zu erarbeiten und diesen dann auch noch zu vergrössern oder vielleicht gar eine Monopolstellung zu erringen. Zumindest wird immer ein gewisses Wachstum angestrebt. moneyDamit geht im allgemeinen auch eine verkaufstechnisch optimierte Effizienzsteigerung, eine Rationalisierung der Produktionsprozesse, eine Gewinnmaximierung einher. Was dabei leider verdrängt wird, sind weniger kommerziell ausgerichtete, dadurch qualitativ aber nicht mehr oder weniger hochstehende andere Projekte, die dann vom Markt oder vielmehr den Konsumenten leicht übersehen werden. READ MORE

Alle machen jetzt auch Jazz

Gehörtes, Gelesenes, Beobachtetes, Diskutiertes der letzten Monate zusammenfassend muss gesagt werden: Alle machen jetzt auch Jazz. Gut. Sollen sie. Machen sie wirklich?

Jazz ist nicht: Summertime vom Blatt gespielt, ein Stück von Frank All That JazzzSinatra (der hat gar keine Stücke geschrieben…), gesampelte Drum-Grooves aus alten Tagen und ein bissl gequetschte Trompete dazu gemixt. Jazz ist das vor allem dann nicht, wenn nicht improvisiert wird. Punkt. Nicht die Stücke und Kompositionen an sich sind Jazz, sondern der Umgang damit.

Ist das wichtig? Ich meine schon. Warum muss man das abgrenzen? Vielleicht aus Respekt.

Und: READ MORE

Jazz – ach so?

Honda JazzAus wiedereinmal (und immer wieder) gegebenem Anlass: Warum hängt man sich eigentlich ständig das Jazz-Mäntelchen um?

Sei es die coole Musik für den Werbespot oder die Vorabend-Soap, sei es die wahllose Stillosigkeit einer pseudo-künstlerisch-kommerziellen Philhamoniker-Mucke, seien es die European Choir Games, die unter dem Titel „Jodeln und Jazz“ rezensiert werden, überall wird scheinbar ungebremst gejazzt, was das Zeug hält.

Leider finden die tatsächlichen Aktivitäten der nach wie vor äusserst vitalen Jazz-Szene weniger Beachtung.

Jazz ist dann, und nur dann, wenn auch improvisiert wird. READ MORE

Stinkt er schon?

„Wie wichtig ist der Jazz“ fragte Hermann Mennenga einige Jazzmusiker für einen Beitrag auf jazzonblog und nahm dabei Bezug auf ein Interview mit Branford Marsalis. Die Antworten und Meinungen sind vielfältig — so vielfältig wie die Musik selbst.

Einige Statments:

Ich stimme Branford Marsalis zu, wenn er sagt, dass „wenn Hörer Musik erst einmal analysieren müssten, um sie zu verstehen, hätten die Musiker ein Problem“. Dann wird Musik nämlich schnell zur Musik einer Elite, und das ist meines Erachtens nicht Sinn von Musik. (Sarah Kaiser)

Ein Grund für die geringe Popularität von Jazz ist natürlich, dass so eine anspruchsvolle Musikstilistik in dem allgegenwärtigen globalen Verblödungs-System, genannt „Medien in der Hand von Geschäftemachern“, kaum Beachtung mehr findet und finden kann. (Florian Poser)

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Thelonious Monk

Klassik, Operette, Musical, Zigeunermusik, Klezmer, Jazz, Latin, Tango, Bossa Nova, Wiener Walzer, Kipferl, Schmarrn und Beuscherl

Interessant, dass sich nun wieder öfter mit Jazz und Improvisation geschmückt wird — wie gerade gehört in einem Beitrag des ORF mit „The Philharmonics“ und Tibor Kovac. Es geht wieder aufwärts mit der hohen Kunst des Flüchtigen.

Bitte, Ihr seid grossartig und könnt alles spielen — aber was hat das mIt Improvisation zu tun, wenn man halt extemporiert, ‚a bissl net so genau spielt, wos da steht‘? Was ist daran Jazz, wenn ‚My Favorite Things‘ vom Blatt gegeigt wird? Schon mal was von John Coltrane gehört? Ach ja, ich vergass, Mozart, Bach, Beethoven, Schubert, … wären sicher Jazzer (Dschässer!) geworden, wenn sie zu unserer Zeit gelebt hätten. Das muss bezweifelt werden, bei dem heute herrschenden Musikverständnis.

Und nebenbei bemerkt: Klezmer klingt auch ein wenig anders…

Shalom!

Jazzgeschichte

ZawinulGerade wurde in der Zeit im Bild, den Hauptnachrichten des Österreichischen Fernsehens ORF, über das diesjährige 40-jährige Dienstjubiläum der Kollegen von Manhattan Transfer berichtet.

Da ist dann von „ihren“ Hits die Rede: Birdland (© Joe Zawinul) und Route 66 (© Bobby Troup); und dass da ausgiebig Musikgeschichte geschrieben wurde. Naja.

Manhattan Transfer sind allerdings entgegen der ORF-Meinung keine a-capella-Gruppe, READ MORE

Über Jazz (2) — Rudi Buchbinder hört

Heide Tenner hat im heutigen „Klassik Treffpunkt“ auf Ö1 einen der grossen Pianisten der internationalen Crème zu Gast und erfüllt ihm jazzige Musik-Wünsche.

Henri de Toulouse-Lautrec - Chocolat dansant dans un barBuchbinder zählt zu den wirklich bedeutenden Pianisten unserer Zeit — und er weiss auch auf der Klaviatur der gesellschaftlichen (Medien-)Präsenz gut zu spielen. Da tut es wohl, aus seinem Munde zu hören, dass ihm auch der Jazz wichtig ist. Geschmacklich (geschmäcklerisch?) und über die Bedeutung für das Wesen des Jazz lässt sich bei der Auswahl vielleicht streiten — aber immerhin: Nat King Cole mit George Shearing, umwölkt von Streichern, und Oscar Peterson, virtuos. Da werden eben, wie so oft in solchen Fällen, Jugenderinnerungen aufgearbeitet. Buchbinder war auch einmal Barpianist! — Jazz?

Heide Tenner stellt dann in der Überleitung zu einem Gedanken aus Buchbinders aktuellem Buch über die lebenslange Beschäftigung des Virtuosen mit einem Werk klar, dass das ja nun das absolute Gegenteil zum Improvisieren sei. Aha.

Über Jazz (1)

Unter diesem Titel werde ich in loser Folge Wahrnehmungen zum Thema Jazz sammeln. Miles Davis TutuIch bin immer wieder überrascht, welchen Stellenwert Jazz und improvisierte Musik in den Medien und in unserer Gesellschaft immer noch haben — und mit welcher Selbstverständlichkeit überkommene Urteile über die nach wie vor vitalste zeitgenössische Musik verbreitet werden.

Selbst die Tiraden eines Adorno geistern in manchen Köpfen noch herum. Die Arroganz des Kultur-Establishments ist gross in seiner Unwissenheit und Ignoranz. READ MORE