Uli Rennert | Der Vorführ-Effekt
Uli Rennert ist Pianist, Komponist und Elektroniker und lebt als freischaffender Musiker und Universitätsdozent in Graz in Österreich. Uli Rennerts künstlerische Arbeit dreht sich seit vielen Jahren um den Einsatz von Synthesizern und Live-Elektronik als expressives Instrumentarium und um die Erforschung der Schnittstellen zwischen Komposition und Improvisation. - Uli Rennert is an Austrian pianist, synthesist, and composer. Rennert is focusing on synthesizers and live-electronics used as expressive musical instruments, and he explores the area between composition and improvisation.
Uli Rennert, jazz, contemporary music, piano, synthesizer, composer, improvisation, producer, Graz, Austria
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Der Vorführ-Effekt

Der Vorführ-Effekt

Die österreichische Grippe-Epidemie zwingt mich derzeit zur Passivität vor dem TV-Bildschirm. Da stösst man unweigerlich mit Sendungen wie DSDS („Deutschland sucht den Super-Star“ Bohlenoder: „Dieter sprengt dämliche Subjekte in die Luft“) und dem österreichischen Starmania zusammen.

Hast Du Erklärungsbedarf für so abartigen Fernseh-Konsum? Ja, habe ich!

Mir ist es peinlich. Mir ist es zutiefst peinlich, das mit-anzusehen. Und ich bin schockiert. Mich schockiert der Abgrund, in den ich sehen muss. Und mich verblüfft, dass es in derartigen Sendungskonzepten letztlich weder um Musik, noch um die so-genannten Talente geht.

Worum geht es denn?

Es geht um die Oberfläche. Es geht darum, gescheiterte Träume, gescheiterte Menschen vorzuführen, zu veröffentlichen. Es geht um Indiskretion und Voyeurismus. Und die Gewinner solcher Wettbewerbe dienen nur dem Zweck, all den anderen die Illusion zu vermitteln, man könne durch Casting-Shows und deren fachlich inkompetente Jurys zu Ruhm und Ehre gelangen. SingstarDass ein Dieter Bohlen genauso wenig hört, wie daneben jemand singt oder wie gut die „Töne getroffen“ wurden, wie die meisten der Zuschauer, ist dabei vollkommen zweitrangig. Es geht nur darum, Menschen für die Sendungen zu ködern, ihre Schwächen und geheimen Gefühle und Träume blosszulegen, und sie dann auszustellen — und damit Quote und Profit zu machen.

Tausende melden sich zu den Castings. Ja, kommen denn diese Leute nicht auf die Idee, dass es einen Grund haben könnte, dass sie noch nicht entdeckt wurden, dass man sich schon so viele Jahre wünscht, ein berühmter Pop-Star zu sein, es aber bisher nicht geklappt hat? Ist zu diesen Menschen noch nicht durchgedrungen, dass man Singen, Komponieren, ein Instrument spielen, also das was der Bundesdeutsche unter „Musik machen“ versteht, auch ganz normal lernen kann? Und dass sich bei Menschen ein musikalisches Talent normalerweise schon zeigt, solange sie deutlich unter 16 Jahre alt sind, auch unter den widrigsten Umständen? Dass man eventuell länger als drei Wochen trainieren muss, um sich als Musiker auf eine Bühne stellen zu können?

In Wirklichkeit stehen eben die Verlierer im Vordergrund, Menschen wie du und ich (oder vielleicht doch mehr wie du?). Das TV-Publikum, die Quote, will Tränen sehen, will Zorn und Demütigung erleben, sich an den Niederlagen der Vorgeführten ergötzen — und nicht zuletzt daran selbst an Wertgefühl gewinnen.

Es geht ums Verlieren. Loser for losers. Freak-Shows.

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