Uli Rennert | Unterricht
Uli Rennert ist Pianist, Komponist und Elektroniker und lebt als freischaffender Musiker und Universitätsdozent in Graz in Österreich. Uli Rennerts künstlerische Arbeit dreht sich seit vielen Jahren um den Einsatz von Synthesizern und Live-Elektronik als expressives Instrumentarium und um die Erforschung der Schnittstellen zwischen Komposition und Improvisation. - Uli Rennert is an Austrian pianist, synthesist, and composer. Rennert is focusing on synthesizers and live-electronics used as expressive musical instruments, and he explores the area between composition and improvisation.
Uli Rennert, jazz, contemporary music, piano, synthesizer, composer, improvisation, producer, Graz, Austria
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Unterricht

Welche Lehrbücher über Jazz, Improvisation, Jazztheorie, etc. verwendest Du Im Unterricht? Welche sind empfehlenswert?

In meinem Unterricht verwende ich gar keine Lehrbücher. Jazz kann nur in der praktischen Arbeit und gemeinsam mit anderen Musikern erlernt werden.

Was ist mit Fake-Books (RealBook usw.)?

Besser ist es immer, wenn man versucht, ein Stück mit den Ohren und dem eigenen musikalischen Vorstellungsvermögen zu erlernen; zum Beispiel anhand einer oder mehrerer Aufnahmen. Man kann dazu als Information natürlich auch Fake-Books miteinbeziehen — aber immer nurn als eine zusätzliche Quelle.

Was hälst Du von der Skalentheorie?

Viel. Aber nur in Verbindung mit einem Wissen über harmonische Zusammenhänge, Akkord-Strukturen und deren Funktionen. Eine Skala ist im Jazz eigentlich meistens nichts anderes, als ein Akkord mit seinen Erweiterungen — nur, dass man Tonleitern eben stufenweise innerhalb nur einer Oktave notiert.

Ist die Stufentheorie oder die Funktionstheorie besser?

Eindeutige Antwort: Ja.

Im Jazz hat sich in den letzten Jahr(zehnt)en eine Kombination aus beiden Theorien eingebürgert; das heisst, dass man mit Stufenakkorden (und deren Bezeichnung mit römischen Ziffern) arbeitet, denen aber mehr oder weniger eindeutige Akkordfunktionen (Tonika, Dominante, Subdominante) zugeordnet sind, die mit den Stufen quasi mitgedacht werden.

Wie schreibt man am besten Akkordsymbole?

Im Jazzbereich jedenfalls immer mit einem Grossbuchstaben zur Angabe des Grundtons (also nicht klein geschrieben bei Moll-Akkorden!) und das deutsche H ist immer ein B, das B ist ein Bb. Es gibt bei der Suche nach dem besten Symbol (mindestens) drei verschiedene Ansätze:

1. man versucht so zu schreiben, dass die Funktion des Akkordes möglichst genau angegeben wird. Ein Beispiel: Der Akkord besteht aus den Tönen g, d, f, a, c — Die Funktion des Akkordes würde in diesem Fall durch das Symbol G7sus4 ausgedrückt; es bezeichnet einen Dominantseptakkord mit Quart-Vorhalt. Das lässt Freiheiten offen, zum Beispiel ob gewisse Akkorderweiterungen (wie etwa die 9) gespielt werden, oder nicht.

2. eine genaue Angabe der beteiligten Töne, sodass der Spieler keine (oder kaum eine) andere Möglichkeit hat, den Akkord zu spielen — das wäre dann etwa G9sus4 oder C7 9sus4, weil ja auch ein a, also die 9 im Akkord vorkommt.

3. man versucht, möglichst eindeutig das Voicing anzugeben — also beispielsweise Dm7/G oder auch F/G (das g ist ja kein Funktions- oder Farb-Ton). (Diesen Akkord findet man manchmal übrigens auch als G11, zum Beispiel bei Bob Mintzer.)

Welches Rhythmusbuch bzw. welche Rhythmusübungen kannst du empfehlen?

Kann man Groove, Timing, Phrasing, oder ganz allgemein ein gutes rhythmisches Gefühl aus einem Buch lernen? Ich denke nicht.

Nach meiner Erfahrung ist es wichtig, eine möglichst präzise Vorstellung von den Möglichkeiten zu bekommen, wie Töne innerhalb eines zugrundeliegenden Metrums oder Pulses platziert werden können und welche Auswirkungen das dann hat.
Eine Möglichkeit ist das transkribieren, analysieren und nachspielen von Aufnahmen, die eben eine solche rhythmische Aussagekraft haben. Indem ich versuche, das Gehörte in möglichst detaillierter Weise zu orten und zu verstehen, entwickle ich gleichzeitig ein Gehör dafür, wie es gut klingt, wenn ich selber spiele.

Überhaupt spielt meiner Meinung nach auch bei rhythmischen Problemen — vielleicht gerade bei diesen — das musikalische (analytische) Gehör eine wichtige Rolle. So tauchen etwa Probleme mit ungewohnten Tempi (zum Beispiel sehr schnelle oder sehr langsame) vor allem deshalb auf, weil sich die Musiker in ihnen schlecht zurechtfinden.

Vielleicht noch ein paar Worte zum Üben mit Metronom und Playbacks: Die machen nur dann Sinn, wenn mir als Übendem und Lernendem die Arbeit nicht abgenommen wird, mich selbst kontrollieren zu lernen. Das heisst also, dass ein super groovendes Playback mich eher daran hindert, meine Schwächen zuerkennen, weil es mich fast dazu zwingt, in time zu spielen. Gleiches gilt übrigens für Aebersold & Co. Lieber selbst ein Playback basteln, mit einer simplen Basslinie und Hi-Hat auf 2 und 4 — so lerne ich, mein eigenes Timing und Phrasing zu entwickeln und mich mit minimalsten Informationen in der Musik zurechtzufinden. Und Metronome sind — wie der Name schon sagt — Messinstrumente und keine Tempostabilisatoren …

Welche technischen Übungen kannst Du empfehlen?

Zunächst einmal muss wahrscheinlich jeder etwas anderes üben. So wie jeder Mensch verschieden ist, hat jeder eben auch verschiedene spieltechnische Probleme zu bewältigen. Hinzu kommt, dass eine adäquate Klaviertechnik nicht notwendigerweise dazu taugt, eine Synthesizer-Tastatur zu bedienen.

Ich persönlich beginne mit kurzen Aufwärm-Übungen. Dazu benutze ich einfache Motive, die ich nach einem bestimmten Schema durch alle Tonarten spiele. Mein Favorit sind dabei Oscar Beringers „Tägliche technische Studien“, die ich für meine persönlichen Zwecke modifiziere. Dabei werden neben den mechanischen Anforderungen, diese Motive in verschiedenen Tonarten und Modi immer möglichst gleichmässig zu spielen, auch die Fähigkeiten trainiert, die es ermöglichen, in den verschiedenen Zusammenhängen zu denken.

Geht es dann um die regelmässige Auseinandersetzung mit der konkreten Musik, an der ich gerade arbeite, versuche ich, mir auch dazu eigene Übungen zu entwerfen. Vor allem in improvisatorischer Hinsicht, ist die gedanklich-analytische Durchdringung der gestellten Aufgaben der wichtigste Schlüssel zu befriedigenden künstlerischen Lösungen. Daher übe ich oft in absoluter Zeitlupe. Ich versuche dabei, möglichst viele Aspekte zu beobachten, zu reflektieren und zu kontrollieren. Nur so ist es mir möglich, ein technisches Problem oder ein improvisatorisches hinlänglich zu bewältigen.