Uli Rennert | Was schreibt die Schreiberin oder der Schreiber dem geneigten Leser oder der geneigten Leserin?
Uli Rennert ist Pianist, Komponist und Elektroniker und lebt als freischaffender Musiker und Universitätsdozent in Graz in Österreich. Uli Rennerts künstlerische Arbeit dreht sich seit vielen Jahren um den Einsatz von Synthesizern und Live-Elektronik als expressives Instrumentarium und um die Erforschung der Schnittstellen zwischen Komposition und Improvisation. - Uli Rennert is an Austrian pianist, synthesist, and composer. Rennert is focusing on synthesizers and live-electronics used as expressive musical instruments, and he explores the area between composition and improvisation.
Uli Rennert, jazz, contemporary music, piano, synthesizer, composer, improvisation, producer, Graz, Austria
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Was schreibt die Schreiberin oder der Schreiber dem geneigten Leser oder der geneigten Leserin?

Was schreibt die Schreiberin oder der Schreiber dem geneigten Leser oder der geneigten Leserin?

Der Standard widmet seine heutige Ausgabe dem Schreiben und Lesen. Da waren für mich vor allem zwei grundverschiedene Beiträge interessant: Im ersten ging es um die Altersgeschichte der Schriften — in einem anderen Artikel legt Marlene Streeruwitz hart und schlüssig die Wiedersprüchlichkeit einer neudeutschen Gender-Sprache dar.

Noch gut kann ich mich an die sprachlichen Verrenkungen erinnerm, mit denen wir vor einigen Jahren zu jonglieren begannen, als die Kunstuniversität Graz geschlechtsneutrale Formulierungen in Texten und Verordnungen einführte. ChromosomenEs sollte wohl in Zukunft keine Studentin mehr Bestimmungen entrinnen, die für irgendwelche Studenten gemacht waren — und es mussten zumindest sprachlich Rektorinnen, Studiendekaninnen und Professorinnen installiert werden, wenn diese auch in der Wirklichkeit nach wie vor kaum oder gar nicht vorhanden waren (und es noch immer nicht sind!). Wir flüchteten uns dann gerne in Pluralisierungen; statt dass „der Leiter oder die Leiterin einer Lehrveranstaltung dem Studenten oder der Studentin“ irgendetwas zu tun hätte, wurden dann eben gleich ganz viele Leiter und Studenten bemüht. Das Ganze ist ein schönes Beispiel für die Geschichtsträchtigkeit und vergebliche Bemühung, die sich da laut Streeruwitz offenbart. Hier wird Schindluder mit einer entpersonifizierten Sprache getrieben — im Grunde ist es ja nur eine Sprachregelung — die unter Vorspiegelung falscher Tatsachen eine Schein-Emanzipation und Gleichberechtigung entwirft, die von den handelnden Personen in keiner Weise gewollt oder gar ernsthaft befördert wird. So betriebenes Gender-Mainstreaming klingt zukunftsträchtig, kann aber allenfalls in behübschten Statistiken und Jahresberichten punkten.

gimbutas vinca-schriftUnd in diesem Zusammenhang ist interessant, was in dem eingangs erwähnten Artikel über die ersten Versuche der Menschen mit der Schrift zu lesen war: 2000 Jahre vor den Sumerern [1. etwa 3500 v. Chr.] hat es offensichtlich die Vinča gegeben, die bereits ein Schriftsystem entwickelt hatten. Diese Leute lebten am Balkan, im Raum des heutigen Bsonien und Serbien. Und es scheint, dass diese Kultur eben schreiben und lesen konnte, gleichzeitig aber auch in einer Gesellschaftsform lebte, in der Männer und Frauen gleichberechtigt waren. Und die Vinča hatten keine Waffen, führten also keine Kriege — weder untereinader noch gegen andere. Leider ist diese frühe Hochkultur aus unerfindlichen Gründen einfach verschwunden.

Doppelt schade!

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