Uli Rennert | Kinderprogramme sind Kinderkaffe
Uli Rennert ist Pianist, Komponist und Elektroniker und lebt als freischaffender Musiker und Universitätsdozent in Graz in Österreich. Uli Rennerts künstlerische Arbeit dreht sich seit vielen Jahren um den Einsatz von Synthesizern und Live-Elektronik als expressives Instrumentarium und um die Erforschung der Schnittstellen zwischen Komposition und Improvisation. - Uli Rennert is an Austrian pianist, synthesist, and composer. Rennert is focusing on synthesizers and live-electronics used as expressive musical instruments, and he explores the area between composition and improvisation.
Uli Rennert, jazz, contemporary music, piano, synthesizer, composer, improvisation, producer, Graz, Austria
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Kinderprogramme sind Kinderkaffe

Kinderprogramme sind Kinderkaffe

Kathreiner Kneipp-Malz-KaffeKleine Kinder sollten keinen Kaffe trinken, heisst es — heisst es von den gleichen Leuten, die den gleichen Kindern ohne Skrupel Cola und Pommes verfüttern. Ähnlich ist es mit sogenannten Kinderprogrammen: Kinderoper, Kindertheater, Kindermuseum, Kinder-Uni, Kids-Club, Kiddy-Contest …

Bald vielleicht auch Kinder-Börse, Kinder-Autobahn, Kinder-Altenpflege. Kinder-Pornos gibt es ja schon.

Warum ich mich so echauffiere?

Ich habe nun viele Jahre die Szene der Programme und Aktionen zur Kunstvermittlung an junge und sehr junge Menschen verfolgt — einerseits als Vater einer mittlerweile ziemlich erwachsenen Tochter, andererseits als Kollaborateur bei diversen solchen Projekten. Die Überlegungen dahinter sind einleuchtend: Kinder sind die Hörer und Zuseher, die Rezipienten von Morgen, sagen gutmeinende Macher solcher Veranstaltungen. Und nicht zuletzt werden Kinderprogramme seit Jahren gut subventioniert.

Nochmal: Kinder sind das Publikum von morgen.

Falsch!

Ich sage: Kinder sind das Publikum von heute! Lasst doch junges Publikum einfach in Ruhe ihr Ding machen. Es gibt nichts schlimmeres, als Eltern und Kunstvermittler, die den Kleinen ständig sagen, wie sie etwas hören und sehen, wie sie etwas erleben sollen. Hier liegt ein grundlegender Denkfehler der sogenannten Erwachsenen vor: Sie meinen, dass es nötig wäre, Kindern ihre Kategorien, Denk- und Erlebensmuster aufzudrücken. Dabei merken sie nicht, dass sie selbst es sind, die interessanter Musik, inspirierten Theaterabenden usw. vollkommen hilflos gegenüberstehen.

Kinder haben noch keine Schubladen, in die sie einordnen. Das lernen sie erst im Umgang mit den Erwachsenen. Doch ist es ja gerade das Fehlen dieser Schubladen, das es Kindern ermöglicht, künstlerische Produkte so unvermittelt — un-ver-mittelt — zu erleben.

Leider ist festzustellen, dass erwachsene, sogenannte gebildete Menschen weder mit den Ohren hören, noch mit den Augen sehen können.

Kinder können das. Noch.

5 Comments
  • Bernhard van Ham

    19. Dezember 2009 at 16:50

    Vielleicht muss man noch einen Schritt weiter gehen: Kinderprogramme in ihrer Un-vielfalt gibt es deshalb, damit Kinder sich nicht zu kulturell mündigen, selbst entscheidenden Erwachsenen entwickeln, die dann evtl. sogar die existierenden Werte der jetzigen Erwachsenen in Frage stellen oder womöglich kippen. Kinderprogramme wirken also stabilisierend auf die Gesellschaft und sind eine Art Altersversicherung für die jetzigen „Kulturschaffenden“. Ausnahmen bestätigen die Regel.

  • Uli Rennert

    19. Dezember 2009 at 17:01

    Guter Gedanke — und eigentlich ein bisschen beängstigend!

  • Uli Rennert

    20. Dezember 2009 at 00:26

    Eine interessante Diskussion zum Thema gibt es auch zurzeit im deutschen Finale-Forum: http://www.finaleforum.superflexible.net/viewtopic.php?t=3136

  • Bernhard van Ham

    20. Dezember 2009 at 02:39

    Oh, Mann, ist ja ziemlich unglaublich! Gratuliere, dass Du da so engagiert und offen Stellung beziehst, mir sind solche Diskussionen meist zu mühsam. Ist aber wichtig, schließlich geht’s um was.

  • gregor

    13. Januar 2010 at 14:59

    Jawollo Uli!! Unterschreibe ich 1000 mal!! :-))