Uli Rennert | Kunst ist Auswahl
Uli Rennert ist Pianist, Komponist und Elektroniker und lebt als freischaffender Musiker und Universitätsdozent in Graz in Österreich. Uli Rennerts künstlerische Arbeit dreht sich seit vielen Jahren um den Einsatz von Synthesizern und Live-Elektronik als expressives Instrumentarium und um die Erforschung der Schnittstellen zwischen Komposition und Improvisation. - Uli Rennert is an Austrian pianist, synthesist, and composer. Rennert is focusing on synthesizers and live-electronics used as expressive musical instruments, and he explores the area between composition and improvisation.
Uli Rennert, jazz, contemporary music, piano, synthesizer, composer, improvisation, producer, Graz, Austria
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Kunst ist Auswahl

Kunst ist Auswahl

(Ein Bericht)

Man schreibt Musik, probt, produziert, veröffentlicht. Es ist gut geworden. Es ist Neue Musik (‚Neue‘ gross geschrieben). Eine grössere öffentlich subventionierte Institution macht eine Ausschreibung. Es geht um Auftritts-Förderung, Verbreitung Neuer Musik. Man wird eingeladen, schickt was hin, wird ausgewählt – und zu einer Präsentationsveranstaltung eingeladen. Schön. Drei Stunden Fahrt mit dem Auto. Auch schön.

Die öffentlich subventionierte Institution kooperiert mit dem öffentlich subventionierten Institut einer öffentlich subventionierten höheren Bildungsanstalt. Etikett: Neue Musik. Super. Geladen ist auch eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, bekannt aus Rundfunk und Medien. Funktion: Kuratorin oder Kurator. Man erfährt: Es wurden über einhundert Projekte eingereicht. Man ist stolz, ausgewählt worden zu sein. Es wurden von diesen über einhundert Projekten ganze sechzig ausgewählt. Wie bitte? Kunst ist Auswahl, soll Strawinsky gesagt haben. Auswahl? Fünfzig Prozent? Na gut. Es gibt über dreihundert Veranstalter in der Liste, denen die Projekte zur Veranstaltung angetragen werden. Die angereisten (?) Künstler füllen eine kleine Bar, die Zahl der angereisten (?) Veranstalter wird auf sechs bis acht geschätzt. Schön. Bestimmt die Crème. Nebenan zum Beispiel wird bereits über die übernächste Saison geplaudert: Man müsste doch den Ort, welchen auch immer, einmal zum Klingen bringen, eine Klanginstallation initiieren, etwas für die vielen Kirchenglocken komponieren – und da ist sie auch schon, die Idee: My Way könnte man doch für Kirchenglocken… Neue Musik…

Jetzt geht es los. Ein wenig Live-Musik. Sehr wenig. Dann zunächst der neueste Werbetrailer des öffentlich subventionierten Instituts der öffentlich subventionierten höheren Bildungsanstalt. Thema: Zeitgenössische Musik, deren Vermittlung und Vermarktung. Nette Bildchen auf einer viel zu kleinen Leinwand (Masterstudiengang Medienkomposition?), unterlegt mit generischem Mainstream-Pop/Chill/Rock/Dingsbums/… Na gut, kann ja mal passieren. Das hochbezahlte Kollegium kann sich nicht um alles kümmern. Es geht los.

Ansprachen. Es werden Biographien und Pressetexte abgelesen. Das Mikrofon fällt aus, dann brummt es. Macht nix. Vielleicht haben die Insassen der Abteilung für Exhibition Development gerade Ferien. Nun – nach abermaligen musikalischen Gemeinplätzen, live gespielt – das zentrale Referat. Der Sekt ist warm. Auf der viel zu kleinen Leinwand sieht man, wie der Kollege die eigene Website googelt und den Button für die Vollbilddarstellung nicht findet. Es geht – es muss nochmals gesagt sein – um die Vermittlung zeitgenössischer Musik. Subventioniert. Hochbezahlt.

Wir erfahren etwas über das Motto. Das Motto ist ja verwurzelt in den Arbeiten (?) von Soundso, dannunddann – sowieso. Das Motto, das Thema stellt sich als derart breit und vieldeutig heraus, dass man wahrscheinlich jedes beliebige Projekt hätte einreichen können. Wie waren die Kriterien der Auswahl geradenochmal? Auswahl? Neue Musik?

Nun erfahren wir darüber, dass man auf Museumsvorhöfen ein wenig trommeln könnte. Man könnte auch mal ein Freiluft-Puppentheater-Familien-Gender-Konzert andenken. Man könnte eventuell sogar… Oder vielleicht…

Jedenfalls wäre es nun – gefühlte zweihunderteinundfünftig unvollendete Halbsätze später – an der Zeit, dass sich die anwesenden Künstler einmal mit den zahlreich erschienenen zirka zwei bis drei Prozent der potentiellen Veranstalter austauschten. Diese scheinen an Neuer Musik so interessiert zu sein, wie man selbst an Siebzigerjahre-Selbstverwirklichungs-Jimi-Hendrix-Wannabee-Programmen.

Es bleibt: Die Flucht.

 

3 Comments
  • willnauer

    10. Oktober 2014 at 22:57

    Zeitgenössisch reingesagt. Chapeau!

  • von der Redaktion geändert

    11. Oktober 2014 at 13:17

    Kann es sein, dass ich da auch war?

  • Larry

    12. Oktober 2014 at 14:38

    Brillant verfasst – aber das Wichtigste hast Du uns vorenthalten: Den Flucht-Zielort …!