Realität in der Kunst

Franz Marc - Grosse blaue PferdeIch glaube, das ist ein altes Thema, aber eines, über das es wert ist immer wieder mal nachzudenken — um so mehr, als ich in Erinnerung habe, dass bisher noch kaum endgültige Antworten gefunden wurden.

Anlass ist mir eine kürzlich gesehene Kinowerbung. Darin werden verschiedene bildtechnische so genannte Revolutionen aufgezählt: es geht vom Stummfilm über den Tonfilm, den Farbfilm, bis heute — und dann, im Jahre 2009, können wir endlich Kino im digitalen 3D-Format erleben. Endlich? Haben wir darauf gewartet?

Nochmal Kino: Surround-Sound. Telller fliegen von vorne rechts nach hinten links. Symphonie-Orchester in 5.1 — wir sitzen im Bauch des 2. Oboisten und schauen den Bratschen zu, wie sie um die Hörner fliegen (was sollten die auch sonst tun …).

Synthesizer. Unterhaltungselektronik. Plastiktasten. Mega-Grand-Piano-Plug-Ins.

Sorry, aber ich verstehe einfach die Idee nicht.

Dazu fällt mir eine schöne Anekdote ein, bei der ein Betrachter vor einem Bild des Malers Franz Marc gesagt haben soll: „Aber es gibt doch gar keine blauen Pferde!“ Zufällig war Marc anwesend und hat geantwortet: „Ich darf Sie darauf hinweisen, dass es sich hierbei um ein Gemälde handelt.“

5 Gedanken zu „Realität in der Kunst“

  1. Naja, da geht´s wohl eher um Technologie in der Kunst und Realität in der Werbung. 3D hat man in den Fünfzigern schon auf breiter Ebene probiert, hat sich nicht durchgesetzt. Surroundsound (Quattro statt Stereo bzw Kunstkopf gab´s in den Siebzigern, hat sich nicht durchgesetzt. Mit Geruchskino wurde experimentiert, hat sich nicht durchgesetzt. Weil das alles über den Reiz des Neuen hinaus kein Publikum findet. Franz Marc hat sein Publikum, es ist heute in allen Schichten ein Gemeinplatz, daß Malerei nicht Photo sein muß – sprich: da ist das Publikum trotz unserer unsäglichen Schulen immerhin in der klassischen Moderne angekommen. Allerdings handelt es sich dabei ja auch nicht um neue Technologien sondern um (damals) neue Inhalte.

  2. Da gebe ich Dir recht, Ronnie. Es scheint aber doch so zu sein, dass sich zumindest in den von weiteren Publikums-Kreisen wahrgenommenen und konsumierten Sparten ein Trend hin zur genaueren Abbildung der Realität abzeichnet. Denken wir auch an aktuelle Animationsfilme oder den Einsatz digitaler Nachbearbeitung zur Steigerung des Eindrucks von Naturalität in Spielfilmen.

    Ich meine, dass wir dadurch erheblich an Abstraktion verlieren, dass dadurch dem Zuschauer immer weniger eigene Bilder zur Verfügung stehen. Natürlich geht es da um den Einsatz von Technologie und um den (kurzfristigen) Reiz des scheinbar Neuen.

  3. Ich denke, die eigenen Bilder sind – wenn sie je SO exisitert haben – früher verloren gegangen. Der Pumuckl (den ich noch als Radioserie kenne) sieht ein für allemal aus wie die Zeichentrickfigur, Winnetou wie Pierre Brice. Aber ist nicht etwa beispielsweise Jesus schon Jahrhunderte vorher zur ziemlich klar umrissenen Ikone aus der Hand von Malern geworden, – blond, blauäugig, dünn und durchgeistigt – also der individuellen Vorstellung entzogen? Abstraktion ist aber sowieso letztlich trotzdem alles. Die Qualität oder mainzwegen künstlerische Qualität ist ein anderes Thema, aber gerade das wird sich – glaube ich – alles einpegeln. Man wird die Überfülle an Computeranimation einfach satt kriegen, ihre Bandbreite wird noch massiv überschätzt. Schlimmer als die Millionen miesester japanischer Fließbandzeichentrickfilme (die in China gemacht werden) oder die Exzesse diverserer FX-Wahnsinniger in allen Perioden ist das Zeug auch nicht.

  4. Wir können uns eben unseren Bildern — oder nennen wir es: Kategorien, Schubladen, Kisten, Rastern, … — nicht entziehen, seien sie in uns selbst entstanden oder unter äusserem Einfluss. Das stimmt. Wir denken so. Aber wir haben auch die Verpflichtung, uns und anderen neue Bilder zu schaffen!

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