Uli Rennert | Revival-Musik – Warum?
Uli Rennert ist Pianist, Komponist und Elektroniker und lebt als freischaffender Musiker und Universitätsdozent in Graz in Österreich. Uli Rennerts künstlerische Arbeit dreht sich seit vielen Jahren um den Einsatz von Synthesizern und Live-Elektronik als expressives Instrumentarium und um die Erforschung der Schnittstellen zwischen Komposition und Improvisation. - Uli Rennert is an Austrian pianist, synthesist, and composer. Rennert is focusing on synthesizers and live-electronics used as expressive musical instruments, and he explores the area between composition and improvisation.
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Revival-Musik – Warum?

Revival-Musik – Warum?

Nicht nur im Jazz-Genre ist seit einigen Jahren, vielleicht seit Jahrzenten, der Hang zum Revival evident. Damit habe ich ein Problem. Oft wird davon gesprochen, dass sich eine Band, ein Künstler, eine stilistische Sparte ’neu erfinden‘ – von ’neu‘ ist bei näherem Hinhören dann kaum etwas zu bemerken. Es werden nur die altbekannten Elemente wie Versatzstücke durcheinandergewirbelt.

Bryan Ferry The Jazz AgeFür die Entwicklung einer bestimmten Spielweise gibt es doch einen Grund. Und das gilt im Besonderen für die Geschichte des Jazz, die ja vor allem auch eine Sozialgeschichte, eine Geschichte der gesellschaftlichen Umstände ist. Die wesentlichen Strömungen haben sich in der Rückschau geradezu aus Notwendigkeiten heraus entwickelt. Die ganz persönlichen Situationen, Befindlichkeiten und Zwänge, in und unter denen Musiker gelebt und gearbeitet haben, waren die Auslöser der wichtigen Stile des Jazz, seien es nun Blues, New Orleans, Swing, Bebop, Hard-Bop, Modal oder Free Jazz, Rockjazz oder Fusion – immer gab es ein ‚Müssen‘, immer gab es eine künstlerische Erforderlichkeit für eine neue stilistische Entwicklung.

Im Gegensatz dazu fehlt der Revival-Musik der Auslöser, der Impetus. Man tut etwas, weil man es kann, nicht weil man muss. Man spielt – oft auf technisch sehr hohem Niveau – das, was man sich von den Helden abgeschaut hat. Aber es geht nicht weiter. Es ist in vielen Fällen ein Knierutschen vor den Säulenheiligen, ein Nachbeten, ein Repetieren ohne Reflexion. Das ist langweilig.

Snarky PuppyUnd die Pop-Branche exerziert uns das seit Jahrzehnten vor. Auch Beatles und Stones hatten ihre Gründe, warum sie so spielten, wie sie spielten. Der Pop- und Rock-Mainstream ist nur mehr ein Abklatsch dessen, was in dieser Richtung einmal mit viel Energie geradezu ausgebrochen ist. Das sei so wie es sei, und die Produzenten mögen sich goldene Nasen mit der Sentimentalität ihres Publikums und dessen verklärten Blicks in die eigene Jugendzeit verdienen.

Für ein ernsthaftes Musizieren kann das nicht genügen. Es ist schon irgendwie richtig, dass es nur eine begrenzte Anzahl von Tönen und Klängen gibt – oder wie immer man die scheinbar reduzierten Möglichkeiten der Musik ausdrücken will. Aber die vielfältigen Möglichkeiten die es gibt, die Fülle von Kombinationen, die man sich ausdenken könnte!

Und immer ist die Frage nach dem Warum wichtiger, als die Fragen nach dem Was oder dem Wie.

Dazu Arnold Schönberg: „Kunst kommt nicht von Können, sondern von Müssen.“

Dazu Gustav Mahler: „Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.“

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2 Comments
  • Günter A. Buchwald

    24. Februar 2016 at 16:34

    Ich verstehe den Autor wohl sehr gut. Es gibt gute Argumente gegen „Revivalmusik“. .. besonders in seiner kommerziellen Unart (Kunstlosigkeit) Jedoch: ich höre auch zum 50.Male Beethovens „Eroica“ gerne und mit Gewinn. Ich bin zum 50. Male begeistert wie Dizzy „BE BOP“ hinlegt… und ich das selbst spielen möchte, weil “ es mich juckt“. Und wenn ich diese Musik(en) aus eigener Begeisterung lerne und lehrend unterrichte, dann gebe ich 1. dieses Feuer weiter und 2. verbreite ich unterschiedliche musikalische Sprachen und die Fähigkeit, diese Sprachen sprechend anzuwenden. Meist entsteht doch Neues nicht im Retortenglas, sondern im Austausch und der Kombination mit „Altem“. und für wirklich Neues braucht es – ja, ist ja oben richtig beschrieben – den historischen und gesellschaftlichen richtigen Zeitpunkt, den Moment wo die Ansammlung von „Revival“ umschlägt in revolutionäres…. na, so in etwa in aller Kürze.

  • Uli Rennert

    24. Februar 2016 at 18:49

    Ich wende mich ja nicht gegen die Pflege einer bestimmten Kunstrichtung oder einer Musizierpraxis. Wenn Dizzy Gillespie Bebop spielt, seine ureigenste Musik, dann ist das toll. Immerhin hat er diesen Jazzstil mit-erfunden. Wenn ich die gelungene Interpretation einer Beethoven-Symphonie hören kann, zum wievielten Mal auch immer, kann das ein grosses und tiefes Erlebnis sein – das ist unbenommen. Beethoven hat aber keineswegs wie Mozart komponiert, sondern seinen eigenen Weg gefunden. Deshalb ist Mozart natürlich nicht obsolet geworden.

    Was den Jazz anbelangt, dürfen wir aber nicht den Fehler machen, diese Musik alleine über das gespielte Repertoire zu definieren, so wie das in der klassischen Musik gehandhabt wird, wo ja die Komposition, das Werk so übermächtig definierend ist. Im Jazz benutzen wir eine Komposition ja nur, sie wird ein Vehikel, wird auseinandergenommen und auf eine ganz bestimmte Weise wieder zusammengesetzt – Dekonstruktion und Rekonstruktion. Und das Ganze geschieht im Moment des Spielens, spontan und in Echtzeit.

    Das Bild meines Beitrags – Dizzy erklärt irgendwelchen Studenten den Bebop – ist für mich eine schöne Metapher. Selbstverständlich möchte ich als junger Jazzmusiker soviel wie möglich über alle möglichen Spielweisen erfahren – noch dazu vielleicht aus erster Hand. Aber dann? Ich muss über das, was man spielt und wie man es spielt unbedingt auch zu verstehen lernen, warum es gespielt wurde und wird. Dadurch kann ich mir meine eigene Richtung suchen lernen, meine ureigenste persönliche Spielweise zu entwickeln.

    Aber: Snarky Puppy?