Was bringt uns die Realität?
Bei ihrer fieberhaften Suche nach immer neuen Verlockungen hat sich die Unterhaltungs-Branche in den letzten Jahren auf die Entwicklung trickreicher und wirklichkeitsgetreuer Technologien konzentriert: HD-TV, 3 D, Surround-Sound, e-ink, Video-Telefonie, etc.
- Toshiba kündigt erste 3D-Fernseher ohne Brille an
- Kindle ist das bisher bestverkaufte Produkt von Amazon
- Sony Ericsson „Arc“ mit „Reality Display“
These: Je näher ein Medium, eine Kunstform der Realität kommt, die versucht wird, abzubilden, desto mehr schränkt das die Kreativität im Denken der Rezipienten und Konsumenten ein.
Das elektronische Buch und sein vermeintlicher Siegeszug sind ein gutes Beispiel. Dass die schnelle und (fast) ortsunabhängige Verfügbarkeit geschriebener Information ein Segen des multikommunikativen Zeitalters sei, mag ja sein. Ich lese selbst meine Zeitungen und Magazine häufiger im Netz als auf Papier. Haupt-Marketing-Argument ist ja, neben der Verfügbarkeit ganzer Bibliotheken auf einem einzigen Gerät — wer braucht das? — die Vernetzung des eigentlichen Inhaltes, nämlich des Textes, mit zusätzlichen Informationen und vor allem visuellen Medien. Das genau ist das Problem. Lese ich nur den Text, setzt sich mein Denken kreativ mit den aufgenommenen Inhalten auseinander. Ich mache mir meinen eigenen Film. Die wahren Abenteuer sind im Kopf.
Im Kino ist das nicht anders: Warum werden heute alte Filme in Schwarzweiss kultisch verehrt? Warum enthält sich der eine oder andere Filmemacher des Farbfilms (zuletzt Michael Haneke in ’Das weisse Band’)? Warum sehen zeitgenössische Trickfilme so lächerlich aus, vom Inhalt einmal ganz abgesehen? Ich halte das nicht für Nostalgie. Je näher wir der Realität kommen, desto weniger können wir selbst assoziieren und kreativ wahrnehmen. (Siehe auch diesen Artikel: Realität in der Kunst) Der Siegeszug der 3-D-Medien wird ein endenwollender sein — ausser vielleicht bei der jährlichen Vorführung im bürgerlichen Wohnzimmer (“Kuck mal, Maxi von hinten!”).
Und Surround-Sound? Music rules! Da kann ich noch so ‘mittendrin’ sein, wenn mich die Musik nicht berührt. Ich sehe da Parallelen zum Hi-Fi-Hype der 1970er und 80er. Wenn man sich damals die gut gepflegten LP-Sammlungen der ‘audiophilen’ Zeitgenossen genau angesehen hat, gab es unter den vielen Direktschnitt-, Direct-Metal-Mastering- und Was-Weiss-Ich-Noch-Super-Überdrüber-Produktionen kaum inhaltlich interessante Musik. Es gilt auch heute wieder: business rules. Leider!
HD-TV am Smartphone ist dabei der grösste Betrug: Wozu soll ich mir auf einem 4- oder 5-Zoll-Bildschirm hochauflösende Videos ansehen, HD macht doch nur auf einem grossen Display Sinn, oder?
Siehe auch folgende Beiträge:
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Kommentare
Andreas Sommer:
"Lieber Uli, habe mich beim Surfen in Deiner Website festgelesen. Beim Leses des beherzt-eindeutigen "Ja" auf die Frage,ob Stufen- oder Funktionstheorie besser sei, hab..."Uli Rennert:
"Lieber Herr Ebel, Gerne komme ich Ihren Vorschlägen nach, wenn ich mich auch bisher nicht als Angehöriger einer Jägernation verstanden habe. Mit ebenfalls sehr freundlichen Grüssen..."Manfred Ebel:
"Hallo Herr Rennert, auf der suche nach einem Rezept für Wildfilets kam ich auf Ihre Seite. Danke für das Rezept. Anbei: Können nicht wenigstens Sie als Vertreter..."Jörg-Martin Willnauer:
"lieber uli, danke für deine feine cd! kompromißlos authenthisch! und abseits des mur-streams (in frankfurt:main-streams). my favorite cut: a nightingale sang in berkeley square!..."Christian Weber:
"Eben durchgehört. Wunderbare Musik die in verschiedene Richtungen weist und trotzdem immer fokussiert bleibt. Merci!"Uli Rennert:
"Dazu noch ein schöner Clip auf der Website des New Yorker: http://bcove.me/f0f0n3yf"Uli Rennert:
"PlatformPro ist ohne weiteres nicht mit anderen Themes kobinierbar. Aber ist das nicht bei allen Themes so?"
Lesestoff
- David Brin: Existence
Yes! - Alex Vilenkin: Kosmische Doppelgänger
Wie es zum Urknall kam, wie unzählige Universen entstehen. Die letzten Fragen: spannend wie ein Thriller. - Markus Hengstschläger: Die Durchschnittsfalle
Intelligentes Buch des Genetikers über die biologische Notwendigkeit von Individualität. Etwas reisserisch formuliert, aber höchst aufschlussreich.
- David Brin: Existence
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